Donnerstag, 19. März 2015

Wie schreibt man einen Nachruf?!

Ich musste noch nie einen Nachruf schreiben und ich hoffte es auch nie tun zu müssen, aber jetzt fühle ich mich dazu verpflichtet. Denn mein Nachbar ist gestorben.

Ich kannte den Mann nicht gut, ich kannte nur wenige Puzzleteile seines Lebens, aber was ich weiß ist, dass er nicht viele Menschen um sich hatte.
Er lebte allein und verwahrlost in der Wohnung unter mir. Er hatte eine Schwester, irgendwo in Westdeutschland, das weiß ich. Die Polizei sucht jetzt nach ihr und sie wird vermutlich erst in Wochen erfahren was passiert ist.

Dieser Mann wird vermutlich nie eine Trauerfeier haben, wie sie zum Beispiel meine Oma hatte. Mit über 200 Besuchern, vielen schönen Worten, Blumen und guten Erinnerungen. Vermutlich wird er einsam und anonym beerdigt werden.

Das ist ein Ende, dass ich niemanden gönne. Das ist auch ein Ende, das ich so nicht zulassen muss.
Unser Leben nach dem Tod existiert, solange es Menschen gibt, die an uns denken nach unserem Ableben. Und deshalb schreibe ich jetzt diesen Text. Diesen Nachruf für Herrn R., der unter mir wohnte.

Ich wusste nicht viel über ihn.
Ich wusste, dass es ihm nicht gut ging. Er schaffte es nicht sich und seinen Haushalt in Ordnung zu halten, aber er war scheinbar zu stolz um Hilfe anzunehmen. Auch meine, die ich ihm mehrmals anbot.
Ich wusste, dass er nicht mehr gut hörte und auch die Augen machten ihm Probleme.

Aber trotz allem war er ein guter Mensch.
Er nahm für jeden immer gerne die Pakete an, auch gerne mal fünf Stück. Er lachte immer wenn man sie abholte und wünschte einem immer noch einen schönen Tag.

Ich wusste, dass er eine Schwester hatte, die ihm einmal zu Weihnachten ein Paket schickte, dass ich ihm runter brachte, da es der Postbote bei mit abgegeben hatte. Heute bereue ich, dass ich mir ihre Anschrift nicht notiert hatte.

Ich wusste, das er gerne sang. Er quietschte und schrie vergnügt zu klassischer Musik. Er schaute auch gerne Filme und lachte sehr laut dabei. Ich hörte das noch in meinem Wohnzimmer, als leises, gespenstisches Kichern. Das Kichern wird mir irgendwie fehlen.

Mehr weiß ich nicht und das tut mir wirklich sehr leid.

Nun wird die Wohnung unter mir kernsaniert und neu vermietet.

Ein neuer Mensch wird einziehen.

Aber Herr R. wird nicht ganz vergessen werden.

Und jetzt fragt euch: 
Was wisst ihr über eure Nachbarn? 
Grade über eure älteren Nachbarn? 
Vielleicht sollten wird doch mehr aufeinander Acht geben?! 
Ein bisschen mehr Menschlichkeit in den Alltag bringen?!

Entscheidet für euch.

Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben.
    Ich war gestern auf der Trauerfeier für meinen Großvater. Daher ist das Thema Tod bei mir aktuell sehr präsent. Ich wohne in einer Gegend wo jeder jeden kennt. Das ist zum einen Fluch aber in solchen Fällen auch ein Segen.
    Da schrillen schon die Alarmglocken wenn Person X einen Tag nicht mehr beim Bäcker war.
    Ich finde Menschlichkeit und aufeinander Acht geben sollte selbstverständlich sein. Leider ist das nicht immer der Fall.

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  2. Weil ich jetzt das Gefühl habe, dass das heute morgen irgendwie blöd rüber kam muss ich das noch mal irgendwie erklären...

    Ich hatte nur deinen "Mal drum kümmern" Tweet gelesen... das mit der Sensationsgier und dann heute den Nachruf. Beim Kümmern war ich irgendwie von ausgegangen, dass du ihn im Flur getroffen hattest (was so nen Hirn nicht alles aus 140 Zeichen macht...) und deswegen war das für mich jetzt ein "Oh... das ging ja schnell." War aber irgendwie blöd formuliert. Ich jedenfalls fand allein dass du dich drum bemüht hast schon großartig.

    Bei mir gab es eine Frau die immer auf ihrem Mini-Balkon Blumen gegossen hat und dabei in mein Wohnzimmer (später Schlafzimmer) gucken konnte. Irgendwann war sie nicht mehr da.. und ich hab erst 2 Jahre später erfahren dass sie an einem Hirnschlag gestorben ist... Und das auch nur zufällig... Das ist irgendwie skurril, aber helfen hätte man da ja eh nicht können und es war auch nicht vorhersehbar .

    Im Haus selbst rotieren die neuen Mieter so schnell, dass ich nur bei der Hälfte der Wohnungen weiß wer drin wohnt. Häufig zieht jemand ein, dann steht die Wohnung plötzlich 2 Monate leer und es zieht wieder jemand neues ein. Das konnte man am Anfang noch überblicken, aber jetzt bemerkt man das halt auch nur am wechselnden Namensschild am Briefkasten... Sind aber fast immer junge Leute und Studenten... und auch wenn ich mich häufig selbst frage wie lange ich wohl in der Wohnung liegen könnte bevor es jemand bemerkt, bin ich eigentlich ganz dankbar was die Anonymität angeht.

    Und trotzdem gibt es fast nichts schlimmeres als alleine zu sterben ohne dass es jemand bemerkt. Abgesehen vom alleine durchs Leben gehen müssen..

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